Dr. Roland Scotti zur Eröffnung von „VEST oder Der Himmel ist meine Hose“

Eröffnungsreden

Dr. Roland Scotti, Kurator am Kunstmuseum Appenzell (CH) zur Eröffnung von „VEST oder Der Himmel ist meine Hose“ von Reinhold Engberding, Freie Akademie der Künste in Hamburg, 2020 _ mit Gastbeiträgen von Gerhard Lang, Peter N. Heikenwälder und Axel Loytved

Wie kann man eine Ausstellung mit “VEST oder Himmel ist meine Hose“ betiteln? Ich möchte jetzt gar nicht mit jenen Assoziationen beginnen, die nicht mehr „politcal correct“ wären. Vielmehr möchte ich darauf eingehen, wie ich Reinhold Engberding in den 1980er Jahren kennengelernt habe – zuerst als erzähltes Phantom, das irgendwo in der Einsamkeit eine Keramiklehre absolviere, sich aber gleichzeitig mit Kunst beschäftige.

Ich habe mir in der Folge so etwas wie einen Waldschrat vorgestellt, möglicherweise auch einen Zen-Mönch, der wunderbare Scheiben dreht – und ansonsten eigenbrötlerisch und weltfremd vor sich hin sinniert. Getroffen habe ich dann einen Menschen, der mit beiden Beinen im Jetzt steht, sehr körperlich und intellektuell zugleich.

Das erste Geschenk, das ich von ihm bekam, war ein geriffeltes keramische Ding, ein Instrument, das von Fern an eine Muschel aber auch an einen Penis erinnerte – für mich, damals, ein ganz seltsamer Resonanzraum, nicht unbedingt zu vergleichen mit einer getöpferten Teeschale.

Und im Grunde ging das in den folgenden Jahren, inzwischen schon Jahrzehnten, so weiter. Obwohl wir uns nicht sehr oft, auch mit grossen Unterbrüchen getroffen haben, war ich jedes Mal überrascht von den Werken, mehr noch von den Ideen, die der Künstler jeweils mitbrachte, zeigte, von denen er redete. Und ziemlich peinlich, dass ich etwas länger brauchte, um zu erkennen, dass der Autor Holger B. Nidden-Grien, der in der ersten Publikation zu Reinhold Engberding erschien, ein Doppelgänger war, das literarische Pseudonym, die zweite (oder dritte oder vierte) Identität Reinhold Engberdings.

Das ist jetzt schon einige Zeit her und eigentlich bin ich ja hier, um über eine Ausstellung zu sprechen, die behauptet, dass der „Himmel meine Hose sei“.

Ich glaube das unbedingt; ich kann das auch nicht hinterfragen, geschweige denn widerlegen. Im ästhetischen Raum ist – ebenso wie in der faktischen Wirklichkeit – fast alles möglich, denkbar und real. Es scheint nur nicht empirisch nachweisbar zu sein – aber über diesen Punkt sind wir auch hier, im Alltag, seit der Quantentheorie, weit hinaus. Unsere Gefühle, unsere sensorische Wahrnehmung wussten das schon immer. Der Himmel ist meine Hose, wenn es die Hose ist, die meine Mutter, die nun vielleicht in einem Himmel ist, vor ihrem Tod getragen hat.

Und damit sind wir, so glaube ich, im Herzen der Kunst von Reinhold Engberding angelangt. Jede Arbeit, jede Ausstellungsinstallation, jede Publikation, die ich von ihm kenne, ist von Leben getränkte Form. Leben meint an dieser Stelle jenen Erfahrungsraum, den wir alle teilen, der uns Menschen mehr oder weniger gemeinsam ist – und das ist einer der Schlüssel, um die Arbeiten Engberdings lesen zu können. Der andere ist sicher die Form, vielleicht würde ich besser „Gestalt“ sagen, denn die meisten Werke des Künstlers erscheinen biomorph, vegetativ, eben organisch.

Das Rhizomartige, das Wuchernde, das Wachsende hat möglicherweise etwas mit der Art und Weise zu tun wie Engberding arbeitet – handwerklich – im Sinne von einem mit der Hand, mit dem Körper geformten Gehalt, der unmittelbar aus dem Tun resultiert: Nähen, Häkeln, Verknüpfen, Zusammenfügen, Lackieren, Aneinandersetzen, Stopfen, Reiben, Schmirgeln, Kneten, Ausziehen, Streichen, Zerschneiden, Zerreissen, Glätten, Aufrauen, Brechen, Fällen usw. usf.

Jede dieser Handlungen entspringt einer für Engberding signifikanten, meines Erachtens sichtbaren Haltung – ohne gleich von Konzept oder Überzeugung oder Systematik reden zu müssen. Für mich ist es erst einmal ein Ausdruck dessen, dass es kein Denken, keine Vorstellung, keine Ideen ohne Körper, ohne Tun gibt. Und wenn es sie – die körperlosen Ideen – doch gäbe? Dann wären sie ziemlich sinnlos und wohl auch schädlich.

Bemerkenswerterweise wissen das jene oft als „einfach“ bezeichneten Menschen besser als jene, die sich zu den sogenannt „gebildeten“ Schichten zählen. Ich schweife ab.

Und kehre zurück zur „Methodik“ und zum „Narrativ“ des Künstlers Reinhold Engberding. Diese erkenne ich von den frühen bis zu den jüngsten Arbeiten – es tut mir leid, Reinhold, dass ich jetzt doch das Alter so nebenbei thematisiere. Aber ich glaube, dass es wichtig ist für das Verständnis genau dieser jetzt von Dir eingerichteten Ausstellungssituation, in der doch immer gelebte und erlebte Zeit, Erfahrungen, Begegnungen, Zufälligkeiten, Träume, Gespräche, Überlegungen usw. mitschwingen – bis hin zur Abwesenheit, Trauer und Tod. Lieber Reinhold: Dein „Narrativ“ ist die visuelle Erzählung von Leben; Deine Methodik ist jene der „Konstruktion“ von Gefühlen, Gedanken, Erlebnissen – immer ins Gleichgewicht gefügt mit einer Dosis der notwendigen unabdingbaren ironischen Distanz.

Denn zum Leben und zu der Kunst gehört auch der Humor, das mitwissende Schmunzeln bis hin zum teilhabenden Lachen. Das kann helfen, um Gefühle wie Fremdheit, Angst, Irritation, Abscheu, Ekel, Ablehnung – aber auch Liebe, Hoffnung, Erwartung usw. in Verwunderung, dann in Teilnahme oder Verständnis zu verwandeln.

Und ich denke, darum geht es – neben aller Kunst – in dieser Ausstellung, die ich heute einleite: Um ein Verständnis dessen, was uns Menschen als denkende und als fühlende Wesen ausmacht. Dass der Künstler bei einem Grossteil der Werke, Werkgruppen oder Werkinstallationen in diesem Fall hauptsächlich das Material Textil nutzt, hat sein Alter Ego Holger B. Nidden-Grien in dem Begleittext zur Ausstellung hinreichend begründet.

Aber dennoch möchte ich auf einige Dinge hinweisen, die wir zwar alle wissen, sie uns aber nicht immer gegenwärtig sind. Sicher gehört die Herstellung von Stoffen, von Textilien, von Kleidungsstücken zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Manche Autoren – wie beispielsweise der Architekt und Kunsttheoretiker Gottfried Semper, der im 19 Jahrhundert zusammen mit einigen anderen das akademische Fach Kunstgeschichte“ begründetet – meinten gar, dass das textile Material, das TEXTRIN, am Anfang aller Zivilisation stünde – in gewisser Weise der Stoff, aus dem die Welt gewebt ist. Semper selbst zählte dazu im übrigen Flachs, Baumwolle, Seide, Wolle, Tierfelle, Kautschuk, und Lack – vielleicht ganz interessant, wenn Sie die Materialliste der Werke Engberdings nachlesen.

Wie auch immer, wir halten zwei Charakteristika fest: Mit Textilien kann man, da die Stoffe aüsserst flexibel und zugleich, wenn sie gut verarbeitet wurden, auch äußerst stabil sind, in einfachster Art und Weise Räume bilden – für einen Plastiker wie Reinhold Engberding, dessen Arbeiten immer auch vom Ent- und Verhüllen, von Leere und Fülle sprechen, nicht unwichtig. Darüber hinaus sind die weichen Materialien per se unendlich kombinierbar, ergeben aufgrund ihrer verschiedenen, auch leicht veränderbaren Eigenschaften Muster bis hin zur Ornamentik; aus Stoffen lassen sich gar architektonische Strukturen und Ordnungen generieren. Das wissen wir alles, glauben aber dennoch in unserer Verblendung, dass Beton das erste, leicht formbare Baumaterial sei.

Gottfried Semper geht sogar so weit, aus einer Betrachtung der Textilien ein „Stoffwechselprinzip“ abzuleiten, das für alle ästhetischen Artefakte gültig sei. Wir würden heute von der „Migration der Formen und Ideen“ sprechen. Wenn ich die Ausstellung betrachte, dann fallen mir aber noch ganz andere Momente oder Mementos ein – zum Beispiel der Freie Umgang des Künstlers mit dem was Heidegger „Gestell“ nannte. In diesem Fall, also bezogen auf Kunst, wären die Teile des „Gestells“ handwerkliche und ästhetische Prämissen – ich könnte auch sagen: Konventionen oder Vorurteile, die eine technische Eigengesetzlichkeit oder ein moralisches Regelwerk behaupten – wo im Grunde nur menschliche oder, spezifischer, „künstlerische“ Handeln ist. Engberding hat dieses „Gestell“, das mal bildungsbürgerlich, mal avantgardistisch ausgerichtet oder verkleidet ist, eigentlich immer ignoriert – glücklicherweise. Denn wie man weiss, werden Erkenntnisse kaum durch Wiederholungen oder Litaneien gewonnen. Man kann Erfahrung, Erlebnisse kaum übern. Und ich erkenne durch die Arbeiten doch einiges, über mich, über die anderen, über die Welt – besser gesagt „über unseren Umgang“ mit den Wirklichkeiten, die wir mit uns oder in uns tragen.

Bei Arbeiten wie „Als Hemd war ich schon in New York“ oder „Waldkapelle (Ihr Weltwissen endgültig in Socken gefüllt)“ oder „Tät sich die Erde jetzt auf (to Michael and Bill _ I)“ wird – so hoffe ich, jedem deutlich, dass wir Archive, Speicher, Erinnerungs-Reservoirs nicht nur sehen, sondern dass wir selbst darin aufgehoben sind. Das hängt selbstverständlich mit den Materialien, aber auch der Art zusammen, wie diese präsentiert werden.

Was gibt es, das mehr mit uns verbunden ist, als jene Kleidungsstücke, die wir am Körper tragen? Wo – ausser vielleicht in Tagebüchern – ist mehr von uns selbst vorhanden als in den Hemden, den Hosen, den Pullovern, den Röcken und eben den Socken? So oft wir sie auch waschen, ganz rein werden sie nicht mehr – sie bewahren Leben und Zeit. Und dieses Leben und diese Zeit von anderen Menschen und von uns selbst nehmen wir wahr – gefiltert durch das Arrangement, das Temperament, durch die Tätigkeit des Künstlers. Vergangenheit, mithin Vergänglichkeit werden im besten Sinne objektiviert – als etwas, das man nicht wegwerfen, wegschieben, verbergen kann, sondern als etwas, das in der Gegenwart wirkt, als etwas, das – zumindest sinnlich – Einfluss nimmt.

Und das ist das Wunderbare an der Arbeit Reinhold Engberdings – es gelingt ihm immer wieder, Formen – fast möchte ich sagen „Gefässe“ – zu entwickeln, die nicht nur metaphorisch, sondern direkt und unmittelbar komplexe poetische und philosophische oder auch essentielle Mutmassungen in unser vegetatives System und in unser Hirn transportieren. Er gestalte Assoziationsformen und imaginäre Räume, deren Wirklichkeit und tiefe Wahrheit kaum verbal, sondern eher physisch erlebt wird – man möchte in diese Räume eindringen, man möchte sich in diese Werke legen, man möchte mit Hilfe dieser Arbeiten die eigenen Lebensfetzen spüren.

Sie merken, eigentlich spreche ich gar nicht von Kunstwerken, sondern von Kommunikationsformen – von Prozessen, die aus Dialogen – beispielsweise von Reinhold Engberding und Holger B. Nidden-Grien – entspringen, von Anfängen, die sich zu multiperspektivischen Gebilden erweitern und die einen Freiraum fast wie selbsttätig entstehen lassen, einen Raum, in dem Wesentliches einen Ort findet.

In dieser Offenheit, die unseren Blick, unsere Wahrnehmung, unser augenblickliches Dasein dennoch fokussiert, entpuppt sich die Arbeit des Künstlers als „soziale Plastik“ – hier durchaus nicht im Sinne von Joseph Beuys gemeint, mehr als Analogie zu den unkontrollierbaren virtuellen Plattformen, die Spiegel dessen sind, dass wir unsere Realität noch immer durch das Miteinander, durch den Austausch erschaffen (sollten).

Und da ist es kein Wunder, dass Reinhold Engberding in eine an sich monographische Ausstellung gleich noch drei Künstler einlädt, die seine Arbeit weder ergänzen, noch illustrieren, noch fortführen – sondern deren Werke unseren Wahrnehmungsraum noch einmal weiten. Ich kann an dieser Stelle die künstlerischen Positionen von Peter Heikenwälder, Gerhard Lang und Axel Loytved leider nicht angemessen würdigen, will auch keine Gemeinsamkeiten mit der Kunst Engberdings herausarbeiten – kann aber voller Überzeugung sagen, dass mich die lakonische Luzidität, das visionäre Aufbrechen, die hintersinnigen Wahrnehmungsfallen der drei Künstler weiter beschäftigen werden – anders als die Sinndepots oder die „Fetische“ Reinhold Engberdings, aber ähnlich intensiv.

Und – last but not least – möchte ich darauf hinweisen, dass Engberding anlässlich dieser Ausstellung eine Buchveröffentlichung plant, einen Mix aus visueller Werkretrospektive und literarisch-philosophischen Essays. Dieses Buch, das am 18. September 2020 hier in der Freien Akademie vorgestellt werden soll, ist als eigenständiger, aber trotzdem wesentlicher Bestandteil des gesamten Ausstellungsprojekts gedacht – ein weiterer Baustein der „sozialen Plastik“, in der unaufhörlich die Stoffe, die Inhalte, die Ansichten, die Ein- und Ausgänge, das Sehen, das Hören, das Wahrnehmen gewechselt, eben ausgetauscht werden.

Und bei dem nun folgenden Austausch von Gedanken wünsche ich Ihnen viel Anregung und Mut.