MIT HOLGER B. NIDDEN-GRIEN

VORGESCHICHTE UND CORRESPONDENTIAE # 1 – ?

Ca. 1996 oder 1997 wurde der Literat Holger B. Nidden-Grien per Anagramm aus den Namensbuchstaben seines Partners Reinhold Engberding geschaffen. Und seit 1999 gibt es gemeinsame Arbeiten und Ausstellungen, die unter dem immer gleichlautenden Titel Correspondentia (mit fortlaufender Nummerierung) stattfinden.

Aber schon vor 1999 hat es Arbeiten gegeben, die vermuten ließen, daß es demnächst auch Arbeiten mit Text oder Buchstaben geben wird.

RUHE, Den Haag, 1992 _ mit selbstgebauten Werkzeugen wurde in ca. 5 m Höhe – spiegelverkehrt und selbstverständlich für Fingerkuppen deutlich falsch dimensioniert – das Wort Ruhe in Braille-Schrift in die Atelierwand der Königlichen Akademie der Bildenden Künste geschlagen. (ca. 12 x 38 cm) _ Photo R.E.

In diesem Jahr, 1992, entstand in Den Haag auch ein erstes langes Gedicht, das einige Jahre später bildnerisch umgesetzt worden ist.

Chant d´amour (nach J. Genet), 1994/5 _ Photo R.E.

Photo R.E.

KOMMUNDERN – un chant d´amour, 1994/5

„… schneidet Reinhold Engberding ein 1992 in Den Haag entstandenes Liebesgedicht in großen Löchern in Folien, die raumhoch hintereinander geschichtet aufgehängt wurden. Doch bei einem derartig vergrößerten (Blindenschrift-)Zeichentext konnten nur die ersten und letzten fünf Buchstaben dargestellt werden: KOMMU und NDERN … . Wer überhaupt imstande ist, diese Zeichen zu lesen, erfährt über die Rauminstallation hinaus den Neubegriff »kommundern«, ein Wort, das ja durchaus etwas von einer sinnlichen Beziehung hat.“ (Hajo Schiff im Katalog Reinhold Engberding „a man droo the feers“, Brunsbüttel, 1997)

Photo R.E.
Photo R.E.

1996 konnte in Lauenburg an der Elbe eine temporäre Arbeit im Außenbereich realisiert werden, auf einer Brandwand nahe der Elbe und an einer Kaimauer. Es war eine zweiteilige Wandarbeit, großformatige Plakatierung, weiße Punkte auf schwarzem Grund. Die Punkte folgen dem Braille-Raster und bildeten, zueinander gekippt, die Wörter LIEBE LIEBE. Das Material, lichtempfindliches Pauspapier, verblaßte nach ca. 3 Wochen; während dieser Wochen aber wirkte es wie ein noch unbekanntes Schifffahrtszeichen.

Im Jahr 1998 lobte das Land Schleswig-Holstein einen Wettbewerb unter dem Titel „Verbotene Städte“ aus (Kunst im öffentlichen Raum) – der gemeinsame Engberding-Nidden-Beitrag hieß

und wurde als kleine Broschüre aufgelegt.

ich … mich, 1997 _ Photo Helmut Kunde, Kiel

Im Jahr 1997 gab es die Text-Bild-Installation „ich … mich“ im Kunstraum Garden, Kiel. Dazu hatte Nidden-Grien einen fiktiven Dialog verfaßt, den Engberding für diese Installation in Blindenschrift umgesetzt hat. Dieser Dialog tapeziert als lichtempfindliche Pause die rechte Wand, wobei die Braille-Punkte hier jeweils zu einem O geformte, leicht geöffnete Fäuste sind. Im Hintergrund hängen zwei Wachs-Schellack-Platten die den Künstler als jungen Mann und als alten Mann zeigen. Auf dem Boden liegt ein „Spiegel“ aus PVC-Folie geschnittenen und gerafften Kreisen, ins Oval gelegt, wobei die Anzahl der gerafften PVC-Kreise der Anzahl der Braille-Punkte für „ich … mich“ entspricht.

ich … mich – Spiegel, 1997 _ Photo Helmut Kunde, Kiel

Im Heim­garten­bund Altona konnte 2017 LIEBE LIEBE III realisiert werden. Auf einer Rasenfläche sind einfache Stöcke senkrecht in den Boden gerammt worden. Auch hier folgt die Anordnung der Stöcke dem Braille-­Raster und bildet das Doppelwort LIEBE LIEBE. Direkt daneben wurde ein altes weißes Betttuch am Boden verspannt. Bei allerbestem Sommer­wetter bot sich den Betrachtern zwischen dem Stock­schrift­feld und dem Laken stehend ein eigen­tümliches Bild: vorne rätselten sie über die Bedeutung des Stock­rasters, hinter ihnen bildeten sie selber ein etwas weniger rätsel­haftes, in einigen Fällen den Braille-Text illustrierendes Schattenbild. _ Photo oben Jens-R. Hasche _ Photo unten R.E.

CORRESPONDENTIAE

Correspondentia # 1 _ Düster nabelt mein Uterus _ 1999 Ständige Vertreung der Neuen Anständigkeit, Berlin (Christian Saehrendt und Steen T. Kittl)

Eröffnungsabend _ Photos privat

„Holger B. Nidden-Grien zeigte 1999 in diesen Räumen erstmals eigene Texte.., eine Auswahl von Gedichten aus den vergangenen Jahren. Er nennt sie vorerst literarische Quadrate. Nidden-Grien zerlegt hierzu intuitiv ausgewählte, zumeist kurze Wörter in ihre Bestandteile. Diese ordnet er in einer Anzahl von Zeilen, die der Anzahl der Buchstaben entspricht neu an. Er verschiebt die Buchstaben Zeile für Zeile um eine Position nach rechts. Beispielhaft ausgedrückt: er ordnet das Wort ‚Arsch‘, das aus fünf Buchstaben besteht, in fünf Zeilen so an, daß Arsch sowohl waagerecht von links nach rechts als auch senkrecht von oben nach unten zu lesen ist und füllt den Quadratrest mit dem Folgerichtigen. Danach läßt Nidden-Grien aus jedem Buchstaben in diesem quasi präliterarischen Quadrat ein neues Wort entstehen, und ein Text wird gewoben – ein Text aus Buchstabenerweiterungen.

Für diese Form einer literarischen Produktion gibt es für Nidden-Grien keine konkreten Vorbilder. Er bezieht sich ausschließlich auf Reinhold Engberding, einen Künstler, der, so Nidden-Grien, in seinen Arbeiten ähnlich allgemeingültige Prinzipien verfolgt. Für dieses hier realisierte Projekt wurde erstmals eine feste Zusammenarbeit beschlossen. Nach diesem Beschluß ordnete Engberding jedem zweiten Gedicht Nidden-Griens willkürlich eine seiner Zeichnungen zu; für die übrigen Gedichte hatte zuvor Nidden-Grien Zeichnungen Engberdings ausgewählt. Dieses Prinzip soll sich bewähren. 

Die Zeichnungen von Reinhold Engberding sind entstanden nachdem Holger B. Nidden-Grien mit Macht in sein Leben getreten war. Engberding hatte sich einen Füllfederhalter gekauft und brilliant-grüne Tinte dazu. Er nahm ein altes Schulheft und begann Zeichen und Linien auf das Papier zu bringen. Danach mußten einige der entstandenen Zwischenräume soweit ausgefüllt werden, bis gezeichnet war, was zu zeichnen war. Für Engberding waren die Zeichen und Linien Freude, die Zwischenräume zwangsläufig, und der Rest war Arbeit. Für diese Art der zeichnerischen Produktion gibt es für Engberding keine Vorbilder. Er bezieht sich einzig und allein auf den ganz frühen Reinhold Engberding. Dieser habe, so sagt man, mit Hilfe von Lebensmitteln, eigenen und fremden Körpersäften sowie ihm unbekannten Himmelsmächten ähnliche, heute, wie Engberding bedauert, verschollene Werke geschaffen.“ (Auszug aus einem von beiden Beteiligten verfaßten Textheft, 1999)

Die literarischen Quadrate wurden direkt auf die Wand gestempelt. Ursprünglich sollten die Zeichnungen in goldfarbenen Rahmen direkt neben den Texten hängen. Das hat nicht funktioniert. Am Ende hingen die leeren Rahmen neben den Gedichten, spiegelten die Betrachter beim Lesen; die Zeichnungen hingegen, teils Doppel-Selbstportraits Engberdings, teils fingerähnliche Formen, wurden glücklicherweise ungerahmt in einen kleinen Nachbarraum verbannt. Dort konnten sie eine ganz eigene Kraft entfalten.

Alle Zeichnungen _ Photo R.E.
Zwei Ansichten _ Photos R.E.
Oben ARSCH, unten ONA-NIE _ Photos R.E.

Auswahl von Zeichnungen _ Photos R.E.

siehe hierzu auch den Text von Florian Höllerer

CORRESPONDETIA # 2 _ Inside it´s calm and warm, 2002, trottoir, Hamburg

Gesamtansciht _ Photo R.E.

Einladungskarte Ansichtseite (R.E.)

CALM _ (R.E.)

WARM _ (R.E.)

siehe hierzu den Text von Ursula Meyer-Rogge „Um was es hier, in dieser kleinen Ausstellung geht …“

CORRESPONDETIA # 3 _ „Hodenwugg sen. in Berlin“, das Gästezimmer, Wolhusen (CH)

Außenansicht des Schaukastens _ Photo Andi Rieser
Außenansicht des Schaukastens bei Nacht _ Photo Andi Rieser

Blick in den Schaukasten auf das Puzzle (Portrait R.E. im Alter von ca. 8 Jahren _ Photo Ludger Gertz) _ Photo R.E.

Blick in den Schaukasten auf das Puzzle (Portrait R.E. im Alter von ca. 8 Jahren _ Photo Ludger Gertz) _ Photo R.E.

„Selbst zu zweit – Reinhold Engberding im Gästezimmer

Correspondetia #3 übertitelt der in Hamburg lebende Künstler Reinhold Engberding seine aktuelle Ausstellung im Gästezimmer, Wolhusen. Damit ist gemeint: Zusammenarbeit, und zwar die dritte, und als Autor tritt eben auch ein zweiter Name in Erscheinung: Holger B. Nidden-Grien. Dass es sich dabei um ein und dieselbe Person handelt wird einem nicht klar, ohne erläuternde Worte des Künstlers. Schon ist es ab und an mal zu Verwechslungen gekommen. Von wem stammt denn nun die gezeigte Arbeit. Von beiden, sagt der Künstler. Nidden-Grien denkt, Engberding führt aus. Und beide Namen setzen sich aus genau den gleichen Buchstaben in unterschiedlicher Reihenfolge zusammen, sind sogenannte Anagramme. Und eben das ist auch der dritte Name, „Hodenwugg sen. in Berlin“, welcher in schräger Schrift an der Glasscheibe lesbar ist. Durch die Schrift hindurch liest man auf der rückseitigen Kastenwand das entsprechende Anagramm „Engberding in Wolhusen“. Was ist das wahre Ich, was ist Konstrukt, ist man versucht zu fragen. Das Eine ist durch das Andere hindurch lesbar. Und wenn schon Mehrere, wer ist wer, und wer hat das Sagen? Schwierige Fragen. Doch auch im „normalen“ Leben agieren wir mitunter als Vielheit, sind es uns aber meist so nicht bewusst. 

Reinhold Engberding war Anfang Jahr Ateliergast in der Stadtmühle Willisau, die Ausstellung im Gästezimmer Wolhusen ist die erste Zusammenarbeit (Correspondentia, aber keine anagrammatische) der beiden Kulturräume und ist bis 30. Juli durchgehend einsehbar.“

Wolhusener Presse März 2006

CORRESPONDETIA # 4 _ „Ich male mit dem Arsch“, Gerhard-Marcks-Haus, Bremen (Fassade)

Gesamtansicht der Bild- und Textinstallation an der Fassade des Gerhard-Marcks-Hauses _ Photo R.E.

linkes Portrait _ aus der Serie Is that my Son? – Porn _ Photo R.E.
Mittig angeordneter Text _ Gedicht von Holger B. Nidden-Grien _ Photo R.E.
rechtes Portrait _ aus der Serie Is that my Son? – Porn _ Photo R.E.

Das Gedicht Rhabarberwurzel (IMMDA)  ist im Original ein deutsches Gedicht von 2009; es wurde später von Nidden-Grien mit Unterstützung des amerikanischen Kollegen  Dane Larsen für den Katalog auch ins Englische übersetzt.

IMMDA ist das Akronym für Ich male mit dem Arsch. Jeweils einer der fünf Buchstaben dieses Akronyms steht am Beginn einer der fünf Strophen dieses Gedichts. Die Kombination des Texts mit den beiden begleitenden Portraits ergab sich aus der Gliederung der Fassade. 

CORRESPONDETIA # 5 _ „Fliegen“, Postkarte mit Abbildung und Gedicht, Schoellerhalle, Eitorf

Vorderseite der Karte mit „Fliegen – für Lucius Burckhardt“, 2006
Rückseite der Karte mit Gedicht „Fliegen – für Annemarie Burckhardt“. 2012

CORRESPONDETIA # 6 _ Sudarium, 2013, galerie peripherie, Tübingen

Eins von 144 Tüchern _ Photo R.E.

144 Portraits in Tusche auf Stücken alter Bettlaken, je ca. 90 x 60 cm. _ Die Portraits sind einer halboffiziellen Website entnommen, auf der Menschen mit vollem Namen, Geburtsdatum, Wohnort und einem vermuteten Verbrechen dargestellt sind. Holger B. Nidden-Grien hat aus den Originlanamen per Anagramm neue Namen geschaffen. Siehe auch Photos unter PORTRAITS.

Photos galerie peripherie

CORRESPONDETIA # 7 _ „Death ain´t dead, ain´t it.“, Einstellungsraum, Hamburg

Wiege Waage wie schwer _ fünf weiße Herrenhemden, komplett in die Einzelteile zerlegt, nach Art und Größe sortiert wieder zusammengenäht _ 2014 _ Photo R.E.

Wiege Waage wie schwer (Detail) _ 2014 _ zwei Gedichte von Holger B. Nidden-Grien an der Wand, 2014 _ Photo R.E.

Installation mit Photoreihe an der Wand und Kerzen auf Podest. In der Photoreihe zeigt der Student Kevin aus Bloomington IN, bekleidet mit einem der o.e. weißen Hemden, mit dem Rücken zum Betrachter die Buchstaben des Flaggenalphabets, die den Text „Death ain´t dead, ain´t it“ ergeben.

Beispielhaft vier der Gedichte, die als A3-große Ausdrucke an der Wand des Einstellungsraums neben der Arbeit Wiege Waage wie schwer hingen. _ Photos R.E.

CORRESPONDENTIA #8 „DALLAS I & II“, Zine Society, CentralTrak Gallery, Dallas, TX (USA)

CORRESPONDENTIA #9 „STILL ALIVE“, Postkarten-Ausstellung im Deutschen Künstlerbund, Berlin, 2021