Ursula Meyer-Rogge zur Ausstellung „Going-over“ _ Kunstfenster Zwischenlinden, Thomasburg, 2016

Ich habe mir in einer ersten Etappe meiner Überlegungen vorgestellt, dass das Kleid oder Gewand von Reinhold Engberding in einer Präsentation allein in einem Schaufenster sehr exklusiv erscheint, wie das bei Einzelstücken der Haute Couture in einem Schaufenster der Fall ist. Handgearbeitet, das gibt es eigentlich gar nicht mehr seit der Zeit des großen Designers Cristobal Balenciaga. Hier allerdings sind Entwurf und Näherei ein einziger Vorgang, das heißt, der Künstler entwickelt gewissermaßen erst beim Nähen oder Zusammennähen der Einzelstücke die Gestaltung des Ganzen. Denn, und nun ist es deutlicher zu erkennen, dem Gewand liegt kein Schnittmuster zugrunde, das auf den Stoff übertragen worden ist, sondern es ist gefertigt aus Handtüchern in Frotteestruktur. Handtücher sind lang und schmal und werden, wenn es nicht Küchenhandtücher sind, kurz vor den Enden stabilisiert mit einem Gewebeband. Bei diesen Frotteehandtüchern muss es sich um eine gute Ware handeln, denn auf dem Gewebeband sind Monogramme aufgenäht, wie das nur in besseren Haushalten üblich ist, oder gewesen ist. Und man versteht, so exklusiv sich das Gewand auf den ersten Blick zeigt, es handelt sich doch eigentlich nur um so etwas wie second hand, zumindest was das Material angeht. Sauber gewaschen natürlich, aber gebraucht.

Nun kommt die heikle Frage, wer will schon ein Gewand, oder in diesem Fall wohl eher Bademantel tragen, der aus sicher sauberen, aber eben benutzten Handtüchern gemacht ist, die außerdem bezeichnet sind mit einem fremden Monogramm. Handtücher oder Bademäntel aus Familienbesitz können natürlich ein Kultobjekt sein, dem man es nachsieht, wenn sie zerschlissen und fadenscheinig sind, denn an und in ihnen ist immer noch etwas sehr Intimes aufbewahrt von den Menschen, die sie getragen haben. Für wen also ist dieses Gewand aus Handtüchern so sorgsam genäht und zu einem neuen Kleid gestaltet, wenn nicht für die Personen, deren Monogramme so deutlich lesbar sind an jenem Gewebestreifen, abwesenden Personen, denen es gleichsam als Schutz und Hülle für eine Rückkehr angeboten wird.

Jedoch hat das Kleid ein Handikap, das der Künstler ohne weiteres so gestaltet hat. Die Ärmel sind nicht separat, wie es gehört, sondern aus einem einzelnen Handtuch zu einem zusammenhängenden Schlauch rechts und links an das Armloch genäht, was wegen des einzelnen Handtuchs sehr praktisch ist und dem Gesamtentwurf einen unerwarteten Akzent gibt. In einem schönen Bogen, auch farbig hervorgehoben, bildet der Schlauch eine Brücke zwischen den ja immer getrennten Seiten mit Armen und Händen. Was aber im praktischen Sinn als einem Kleidungsstück, in das jemand hinein-schlüpfen soll, natürlich den Armen und Händen jede Bewegungs-freiheit nimmt. Daraus könnte man schließen, dass es hier überhaupt nicht um die üblichen alltäglichen Handgriffe geht, sondern lediglich um ein ruhiges, schön bekleidetes, ansonsten unter der Weite des Gewandes verborgenes Dasein, sogar ohne das übliche Problem, wohin mit den Händen. Sie sind wunderbar aufgehoben, beziehungsweise eingebettet in den Schlauch, gefaltet oder ineinander verflochten, was keiner sieht und also auch nicht daran herummäkeln kann.

Nun ist solch ein Angebot für einen in sich ruhenden, leicht zeremoniellen Auftritt eher Politikern und gewissen afrikanischen

Herrscherpersönlichkeiten vorbehalten, die allerdings ein wenn auch Haute Couture-Gewand aber aus Frotteehandtüchern nicht unbedingt goutieren, sondern ihre Stammeskleidung bevorzugen, die ihnen im Übrigen, je nach Körpervolumen, mal mehr, mal weniger Bewegungsfreiheit zugesteht als dieses Kunstwerk. Es ist eben die Heimat, die sie in ihren ausladenden Gewändern oder subtil auf den Körper zugeschnittenen Anzügen aushalten müssen.

Nach diesem Hinweis auf Heimat muss man das Gewand von Reinhold Engberding heimatlos nennen und an Menschen denken, die nicht einmal in ihrem eigenen Körper richtig zuhause sind, sondern immer wieder ausbrechen möchten. Daran sollen sie gehindert werden, vor allem mit ihren Armen und Händen sollen sie nichts anrichten, was ja auch der Gesellschaft einen Schaden zufügen könnte, und so stopft man sie in den Schlauch, aus dem sie so leicht nicht mehr herausfinden.

Hier füge ich sofort, um den Weg in die Freiheit wieder zu ebnen, eine kleine Anekdote ein, die ich dem Reisebericht von Alexander von Humboldt in das Urwaldgebiet des Orinoko entnehme. In einer der weit zerstreuten Missionsstationen ist er einem Mönch begegnet, der in der üblichen weiten Kutte gekleidet war, mit den entsprechend weiten Ärmeln, in die die Mönche beidseitig ihre Hände stecken konnten oder sollten. Ich vermute, dass das mit einer Ordensvorschrift zusammenhängt. Dazu kann ich nichts sagen, aber dies: In dem weiten Gewand des Mönches hatte ein Äffchen Schutz gesucht und wohnte da gut geborgen vor den Gefahren der Wildnis, und spähte nur manchmal am Kragen oder eben aus der Weite der Ärmel heraus, um zu prüfen, ob die Luft draußen wieder rein ist. Das ist natürlich eine Erzählung speziell für das Kind auf der Foto-grafie, das sich in seiner Verkleidung, mit viel zu kurzen Ärmeln sehr unwohl zu fühlen scheint und einfach nicht weiß, wo es Unterschlupf finden kann.

alle Photos R.E.

Jetzt hängt das Gewand oder Kleid, um in der Gegenwart wieder anzukommen, ein wenig schlaff über dem Bügel und signalisiert eine Abwesenheit, nachdem die Geschichten und Zumutungen vorbei sind, und es bleibt nur noch die insgeheime Frage, die ein exklusiv extravagantes in einem Schaufenster ausgestelltes Kleidungsstück an einen etwaigen Käufer oder die Käuferin stellt. Könnte ich das tragen? Und, was würde mein Freund, meine Freundin dazu sagen?

Diese Hauptfrage verweigert Reinhold Engberding bei den Objekten im Innern des Ladens. Auch das sind Kleidungsstücke, direkt auf der Haut getragene Boxershorts, T-Shirts undsoweiter, also schlicht Unterwäsche, die er auf den Straßen von Dallas/ Texas auf-gesammelt hat. Weggeworfene oder ganz einfach fallen gelassene Stücke, herausgefischt aus Sammellagern oder Kleidercontainern von bedürftigen Menschen, nicht mehr identifizierbar in den zusammengerollten Plastiken, die der Künstler dann daraus gemacht hat. Keine Namen. Als Reinhold Engberding mir davon erzählte, habe ich aufmerksam auf die Straßen in Hamburg geblickt, und auch vieles gefunden. Es waren jedoch Handschuhe, vor allem kleine, manchmal auch eine Mütze, selten ein Schal. Denn hier, im Norden, ist es kalt.